2 – Mit Dawit im Gebirge

Heute wollen wir mit Dawit Asmara verlassen und Richtung eritreisch-äthiopische Grenze im Südwesten des Landes fahren. Jahrzehntelang spielte sich hier ein erbitterter Krieg unter Brüdern ab. Mehr als 300.000 Menschen verloren ihr Leben und für eine noch größere Zahl von Menschen bedeutete er Vertreibung und Flucht in alle Welt. Erst am 8. Juli 2018 kam es endlich zum Friedensschluß zwischen Eritrea und Äthiopien. Der äthiopische Präsident Abiy Ahmed erhielt 2019 sogar den Friedensnobelpreis für seine Aussöhnungspolitik mit Eritrea. Aber noch heute benötigt man Passierscheine, um von Asmara aus ins Grenzgebiet zu gelangen..

„Wir“, das ist eine kleine Gruppe von Kollegen aus dem Orotta National Hospital in Asmara, bestehend aus Technikern, Schwestern und Ärzten der beiden Vereine ARCHEMED Ärzte für Kinder in Not e.V. (www.archemed.org) und GET-Partnership e.V. (www.getpartnershig.org – German – Eritrean -Training – Partnership e. V.). Beide Vereine arbeiten mit vielen ehrenamtlichen Helfern in Eritrea an einer Verbesserung der medizinischen Infrastruktur. Speziell der Aufbau von Neugeborenen- und Entbindungseinheiten in Kreisstädten und die Schaffung eines nationalen Kinderkrankenhauses mit Subspezialitäten in der Hauptstadt Asmara liegen den Vereinen am Herzen.

Heute wollen wir sehen, unter welchen Bedingungen Kinder in Eritrea ausserhalb des geschäftigen Treibens der Hauptstadt leben. Hierzu haben wir uns mit Dawit Berhawe verabredet. Dawit ist Biologe und war viele Jahre lang im Namen der Uni Göttingen für Wildzählungen in entlegenen Teilen Eritreas unterwegs. Dawit kennt die „geheimen Pfade“ Eritreas, seine Pflanzen, Tiere und heiligen Plätze wie seine Westentasche. Mit einer endlosen Geduld wird er unsere Fragen nach jedem Kraut und jedem Käfer beantworten. Sein strahlendes Gesicht werden wir alle mit in den Flieger nehmen.

Wir brechen mit ihm vor Sonnenaufgang in Asmara auf. Über Schotterpisten geht es 4×4 nach Südwesten. Nach gut einer Stunde beginnen wir unsere mehrstündige Wanderung durch einen dicht bewachsenen Canyon. Von den umliegenden Bäumen kommentieren zahlreiche Menschenaffenfamilien unser Eindringen in diese stille und blühende Landschaft mit wild erregten Schreien. 

Immer aufwärts nutzen wir den Lauf des Flussbettes vorbei an zahlreichen kleinen Andachtsstellen und heiligen Plätzen der koptischen Christen. Das ganze hier wirkt tropisch, ist aber eigentlich hochalpin. Nein, es geht auch hier nicht ohne Gespräche über medizinische Themen. Kinderärztliche Kollegen der Unikinderklinik Essen sind in der Gruppe. Sie versuchen, einfache Therapiestrategien gegen die akute Leukämie nach Eritrea zu bringen. Spannend! Die Zeit vergeht zu schnell, und nach gut vier Stunden erreichen wir unser Ziel.

Hoch oben auf einem Felskamm liegt ein kleines Dorf wie aus einer anderen Zeit. Es überragt eine weite Ebene nach Süden, in der irgendwo dort unten die einst bitter umkämpfte Grenze zu Äthiopien liegen muss. Bellende Hunde und näher kommendes Geschrei unzähliger Kinder lässt keinen Zweifel zu: Man weiß schon, dass wir kommen, und es herrscht eine gewisse Aufregung deswegen.

Das gute Dutzend rein aus Naturstein und Hölzern errichteter Häuser bildet einen wunderschönen Anblick in der Sonne. Aber den Winter möchte man hier nicht erleben, denn wir befinden uns auf weit über 2000m Höhe. Fliessendes Wasser oder Strom gibt es nicht. Und viele der strahlenden und rufenden Kinder bewegen sich hier leicht bekleidet und barfuss auf felsigem Terrain. Von allen Seiten sind wir nun von ihrem Strahlen und ihrer Aufregung umringt. Wir werden sofort in eines der archaischen Häuser eingeladen:

Durch eine schwere Massivholztür betreten wir einen etwa 6x6m messenden quadratischen, fensterlosen Raum. Links und rechts des Eingangs befinden sich zwei aus Lehm geformte, erhabene Schlafnischen. Eine für die Eltern und das jüngste Kind und eine für die weiteren Kinder der Familie. Keine Kinderzimmer, keine Babyphone und kein „back to sleep“ also. Der Boden dieses großen Wohnraumes ist überzogen von Hufabdrücken, denn nachts treibt man hier das Vieh hinein. Die wenigen Rinder sind beides – der kostbarste Besitz und die Standheizung der Familie in bitterkalten Nächten. Auch die Hühner finden nachts in diesem zentralen Raum Platz und nächtigen in einem an der Decke hängenden Korb. Gerne würde man mal bei Einbruch der vollkommenen Dunkelheit in einer dieser Nischen bei Gackern und Wiederkäuen einschlummern. Bei genauer Betrachtung ähnelt das Haus sehr dem, was andere Bergvölker auf Ihren Almen an Gebäuden errichten – auch in den Alpen war es vor Kurzem noch nicht so sehr anders.

Auf der anderen Seite des Raumes befindet sich ein mächtiger aufgemauerter Ofen und daneben ein Durchgang zum hinteren Hausteil. An den Wohnraum schließen sich zwei kleine Räume an. Links eine Küche mit dem aus Lehm geformten Regal und rechts das „Zimmer der Mutter“. Dieser kleine „Frauenraum“ bleibt von einem Vorhang verdeckt. Er ist der Hausherrin zum Stillen oder zur Körperpflege von sich und den Kindern vorbehalten. Selbst ein kurzer Blick in diesen Raum bleibt uns Männern verwehrt. 

Hinter diesen beiden Räumen gelangen wir schließlich in den ummauerten Hinterhof des Hauses. Hier leben nicht nur die Hühner der Familie gut, hier steht auch der kleine gusseiserne Herd und der Kaffeekocher.

Ja, hier bleibt man gerne etwas sitzen, bevor es heißt: „Anpacken im Orotta National Hospital!“

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