7 – UNSERE WEIHNACHTSGESCHICHTE AUS KEREN – ERITREA

Kinderintensivkrankenschwester Heike Heinicke von Archemed für Ärzte für Kinder in Not e.V. berichtet über ihr Herzensprojekt in Keren, Eritrea

Heike und ihre eritreischen Kolleginnen in der von ARCHEMED neu gebauten Mutter-Kind-Klinik in Keren

Mein Name ist Heike Heinicke, ich bin verheiratet, habe 3 Kinder (20, 23, 24) und lebe in der Nähe von Lippstadt in NRW. Ich bin Kinderkrankenschwester habe lange auf einer Früh und Neugeborenen Intensivstation gearbeitet. Als ich nach einer langen Kinderauszeit mit einem Minijob wieder in der Klinik angefangen bin, ergab sich fast zeitgleich die Möglichkeit für mich, in einem Team von ehemaligen Kolleginnen zusammen mit meinem „alten“ Chef der Kinderintensivstation ein Projekt in Eritrea zu starten. Seit 2010 arbeite ich nun ehrenamtlich für die Hilfsorganisation Archemed und bin ein bis zweimal im Jahr für 14 Tage vor Ort.Von da an begann eine sehr aufregende Zeit.


Eritrea ist eines der ärmsten Länder der Welt mit einer sehr hohen Kinder und Müttersterblichkeit. Besonderen die kleinen und schwachen Neugeborenen haben eine sehr schlechte Chance, wenn sie nicht behandelt werden können. Dazu kommt noch eine politisch sehr unsichere Lage unter einer strengen Diktatur, immer wieder kriegsähnliche Zustände in der Region am Horn von Afrika. Bei einem miserablem Gesundheitssystem und sehr wenig Kliniken im Land hoffen viele Menschen vergeblich auf Hilfe.


Für den Verein Archemed war es sehr schnell klar, dass nicht nur in der Hauptstadt Asmara Hilfe nötig ist, sondern die Peripherie viel schlimmer betroffen ist. Weite Wege in das nächste Krankenhaus, bzw in die nächste Health Station sind vor allem für die schwangeren Frauen eine Katastrophe. So wurde beschlossen in der zweitgrößten Stadt des Landes, Keren ein Neonatologie Projekt zu starten. Eine Stadt mit einem riesigen Einzugsgebiet, in der eine alte bestehende Klinik für uns der Anlaufpunkt war.

Medizinische Zusammenarbeit auf Augenhöhe


Unsere erste Reise 2010 werde ich nie vergessen. Was für ein wunderbares Land, was für tolle Menschen und…..was für furchtbare Zustände!!! Eine so lange beschwerliche Reise ins „Nirgendwo“, ich hatte etwas Angst, viel Respekt und unglaublichen Tatendrang, uns allen ging es so. Es gab in dieser Klinik eine Kinderstation, wo hauptsächlich unterernährte Kinder im Kleinkindalter behandelt wurden . Im Laufe der Jahre haben wir dort furchtbar kranke Kinder erlebt, Malaria, Schlangenbisse, Lungenentzündungen, HIV,….Unser großes Glück war der einzige Kinderarzt vor Ort, der in Dresden studiert hatte und somit gut Deutsch sprach.
Wir bekamen vor Ort in dieser Klinik einen Raum zur Verfügung gestellt, der einer Abstellkammer glich…ausgebildete Schwestern gab es nicht,..die Mädchen werden nach ihrer Militärzeit in irgendwelche Bereiche geordert, wo sie arbeiten müssen!! Das was in den nächsten Jahren folgte muß ich zusammenfassen:

Wir renovierten mit engagierten Handwerkern in Zusammenarbeit mit den Eritreern dieses kleine Zimmer, brachten in Containern das Material mit, Strom und Sauerstoffversorgung wurde installiert, fließend Wasser gab es nicht. Wir organisierten Schulungen und Forbildungen für die
„ Schwestern“. Rund um die Uhr wurde gearbeitet, in einer Umgebungstemperatur von mindestens 35 bis 38 Grad in dem Patientenzimmer. Untergebracht waren wir in einem Hotel mit vielen kleinen schwarzen, krabblenden Mitbewohnern. So ging das jahrelang,…es gab viele aufs und abs…wir waren anfangs hochmotiviert, unser Elan hat die Eritreer verständlicherweise eingeschüchtert…wir kommen von hochtechnologisierten Intensivstationen mit einem extrem hohen Hygienestandart. Davon mussten wir erstmal runterkommen,…das hat bei dem ein oder anderen etwas länger gedauert, manche konnten das gar nicht ertragen und haben aufgegeben. Man kann nicht in ein fremdes Land kommen, mit einer anderen Kultur, Sprache und Religion und den Menschen vorschreiben was sie zu tun haben. Das würde hier auch nicht funktionieren. Ich hatte sehr schnell einen Draht zu den Menschen, weil ich auf sie zugegangen bin, auf Augenhöhe, versucht habe die Sprache zu lernen und die Kultur kennenzulenen. 2015 habe ich aus meinen gesammelten Notizen ein Wörterbuch geschrieben und mit einer Eritreerin übersetzt…die einfachsten wichtigen Wörter konnte ich sehr schnell und habe 500 Exemplare an die Mitarbeiter von Archemed verteilt.

Der „eritreische“ Sohn

Grund dafür war auch ein kleines Frühchen, das 2013 bei uns auf die Neo kam und mein „eritreischer Sohn“ wurde. Ich war schockverliebt in diesen kleinen Jungen, der in der 32.SSW mit einem Gewicht von 1250 gr bei uns aufgenommen wurde. Genauso ging es mir mit seiner Mutter und seinen beiden großen Schwestern. Ich bzw unser Team hatte 14 Tage Zeit diese kleine Frühgeborene zu stabilieren, mit den Mitteln die wir hatten. Immer wieder, jeden Tag eine neue Herausforderung….Stromausfälle, Geräte defekt, kein Sauerstoff, keine Medikamente,….! Die Mama sprach zum Glück gut Englisch und ich habe ihr viel erklärt und rund um die Uhr das Kind mit ihr versorgt. Von Anfang an hatten wir ein sehr enges Verhältnis und haben uns gut verstanden. Der kleine machte gute Fortschritte und ich hatte keine Bedenken, dass sie das alleine hinbekommt. Wir haben Telefonnummern ausgetauscht und sind in Kontakt geblieben. Nach einem halben Jahr sahen wir uns wieder und so ist eine tiefe Freundschaft und Verbundenheit bis heute geblieben. Bei jedem Einsatz, in jeder Pause, nach Feierabend besuche ich die Familie, die glücklicherweise in der Nähe der Klinik wohnt. Ich habe so viel von ihr gelernt und unendlich viel Dankbarkeit erfahren. Ich bin dort so willkommen wie in meiner eigenen Familie, der kleine, mittlerweile 8 Jahre hat seit dem er sprechen kann immer schon „Mama“ zu mir gesagt. Im Kindergarten wohin ich ihn oft vor meiner Arbeit begleitet habe und auch später in der Schule hat er immer stolz erzählt, dass er eine schwarze und eine weiße Mama hat. Für mich sind diese Erlebnisse so prägend gewesen, dass es glaub ich meine Lebenseinstellung beeinflußt und positiv verändert hat. Dieses kleine Beispiel spiegelt die Nachhaltigkeit unserer Projekte wieder,…viele Kolleginnen haben ähnliche Erfahrungen gesammelt und das gibt uns Kraft.

Bau einer neuen Mutter-Kind-Klinik für Keren

In Keren wurde nach den ersten Jahren klar, dass wir mit den Räumlichkeiten nicht klarkommen.Es baute sich im Laufe der Jahre ein Stamm von Schwestern auf, die zum Teil auch eine 2 jährige Ausbildung absolviert hatten. Wir motivierten die Jungen Schwestern und Ärzte, schulten sie und bildeten sie weiter. Immer mehr Frauen kamen in die Klinik um ihre Kinder sicher zu entbinden, es sprach sich herum, dass sie dort Hilfe bekamen. So wurde mit der Gesundheitsministerin in Eritrea , Archemed und einem deutschen Architekten die Idee für eine Mutter und Kindklinik (Perinatalzentrum) in die Tat umgesetzt. Unser Team wurde in die Planungen mit einbezogen und so entstand in den letzten 5 Jahren ein beachtlicher Bau auf dem Klinikgelände. Dort befindet sich nun ein großer Kaiserschnitt OP Tür an Tür mit unserer Intensivstation für ca 30 Früh und Neugeborene. Ebenso ist die geburtshilfliche Abteilung mit Keißsaal und Untersuchungsräumen ausgestattet um sichere Geburten zu gewährleisten. Im hinteren Bereich der neuen Klinik befinden sich die Mütter und Patientenzimmer, ebenso Duschen und Toiletten, was die meisten nichtmal zu Hause haben von den Einheimischen. Das Gebäude hat eine eigene Wasser,Strom und Sauerstoffversorgung.

Im Oktober 2019 war unser letzter Einsatz in Keren, für April war ein großer Einsatz über 3 Monate geplant, um den Umzug und Einarbeitung in die neue Klinik zu begleiten, …..dann kam Corona!! Zwei lange Jahre mußten wir die Füße stillhalten und durften nicht reisen, strenger Lockdown in Eritrea, keine Flüge ,keine Visa kaum Kommunikation möglich. Für mich persönlich eine sehr schlimme Zeit, so große Ungewissheit,…wie geht es unseren Freunden, Kollegen und befreundeten Familien.?? Wir konnten keine Container schicken, den Projekten im Land ging das Material und die Medikamete aus, zudem kamen Berichte über Hungersnot und Kriegsgeschehen im Nachbarland Äthiopien. Schwer auszuhalten für alle Mitstreiter.

Und dann kam Corona

Der aktuelle stand ist nun so, vor 3 Wochen ist eine kleine Gruppe zu einem Sondierungseinsatz nach Eritrea gereist um Gespräche über die mögliche Fortsetztung der Projekte zu führen. Wir haben nun „Grünes Licht“ seitens der Regierung für erste Einsätze Ende Januar 2022 !! Der erste Container soll auch in kürze losgeschickt werden und möglichst zeitgleich mit den ersten Teams in Eritrea ankommen. Wenn alles gut geht!!!!!! Im April würden wir dann den Umzug endgültig planen und hoffentlich umsetzten. Wir haben viel gelernt, vor allem Geduld zu haben.

Dies war ein kleiner, sehr kleiner Einblick in mein Herzensprojekt. Ich bin sehr dankbar diese so sinnvolle Arbeit machen zu dürfen und die jahrelange Unterstützung meiner Familie zIu haben. Nachdem meine älteste Tochter mich nach ihrem Abitur mal für 14 Tage begleitet hat, sagte sie…Mama, jetzt weiß ich warum du das alles machst..!

Meiner kleinen Familie in Eritrea geht es soweit gut, auch mit unseren Schwestern hatte ich letzte Woche Kontakt. Beide haben eine Unterstützung erhalten, die Kolleginnen zur Motivation, meine Familie zum Überleben. Alle warten auf uns…!

Die vielen Projekte von Archemed sind wichtig und nachhaltig, einen guten Überblick bekommt man auf unserer Homepage www.archemed.org, oder Facebook und Instagram.

Eine kleine Geste kann viel bewirken..! 

Heike Heinicke für Archemed Ärzte für Kinder in Not e.V.

Wer ARCHEMED unterstützen will kann dies hier tun:

https://www.archemed.org/helfen/spenden

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